Rolf Schoch

HILFE: MEINE "GELIEBTE" FABRIK VERSCHWINDET! Glosse eines Anwohners

Dieses seit Jahren nicht mehr gebrauchte und leer stehende, nutz- und zwecklose Fabrikgebäude an der Stockerstrasse in Horgen, das mir mit seinem obersten Geschoss und dem hässlichen Aufbau des Liftturms seit unserem Einzug in die Eigentumswohnung an der Einsiedlerstrasse im Februar 2000 bis gerade vor kurzem die freie Aussicht auf den Zürichsee und das gegenüberliegende Ufer der "Goldküste" zugemauert und versperrt hat, diese Beleidigung des ästhetischen Empfindens eines gesunden Normalbürgers, diese Quelle dauernden Unbehagens, mein "Feindbild Nr. 1" während der fünf Jahre des Wohnens hier, soll nun einfach, mir nichts dir nichts, weggenommen werden – plötzlich beseitigt, liquidiert, zerstört werden und (vorerst einmal) von der Bildfläche verschwinden.

August 2004

So wird es uns, den Nachbarn im Umkreis der Fabrik, in der bereits geräumten und kahlen Fabrikhalle im Erdgeschoss von allerhöchster Stelle, nämlich vom CEO und dem Bereichsleiter Produktion der Firma Grob Horgen AG anlässlich eines eigens dafür anberaumten Apero mit dürren Worten mitgeteilt.

Aus berufenem Munde erfahren wir Anstösser, dass das Gebäude demnächst "rückgebaut" wird, wie es hier so schön heisst. Denn "Rückbau" tönt eindeutig vornehmer und gepflegter als "Abriss" oder "Abbruch" – Ausdrücke, die Assoziationen mit Lärm, Staub und Dreck wecken. Wir erfahren, dass die "Rückbauarbeiten" im Innern des Gebäudes beginnen. Ab anfangs Oktober werde ein 22-Meter-Bagger den Abbruch der Gebäudehülle in Angriff nehmen. Die Fassade werde Ende Oktober abgebrochen und die gesamten Arbeiten gemäss Plan Ende Jahr beendet sein. Mit dem Rückbau sei die Firma "Schotter-Teufel" aus Deutschland (nomen est omen) beauftragt, die auch vor dem Beginn der Arbeiten pflichtgemäss in unserer Wohnung ein "Rissprotokoll in 2facher Ausfertigung" erstellt.

So also wird der Anschlag auf meine "geliebte" Fabrik ausgeführt. Was bleibt einem denn so noch übrig, um sich zu ärgern und zu ereifern? Nichts, rein gar nichts. Im Zeichen und Zeitalter von Globalisierung, Umstrukturierung, Reorganisation und Naturkatastrophen bleibt heutzutage buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen.

Die folgende Bilderserie dokumentiert den langsamen und stetigen, jedoch unaufhaltsamen Niedergang des Fabrikgebäudes, von den ersten, internen Aushöhlungsarbeiten im Oktober, über verschiedene Zwischenstufen, bis zum bitteren Ende im Dezember.

Oktober 2004

Achtung, die eigentlichen Abbauarbeiten haben begonnen. Aussicht von unserem unteren Balkon.

Die grosse Schrifttafel "GROB", die jahrelang unbenutzt und unbeachtet auf der Dachterrasse flach gelegen war, ist schon verschwunden. Dachgeschoss und Liftaufbau stehen aber immer noch in voller und Sicht störender Grösse. Jedoch sind das zweite, dritte und vierte Obergeschoss bereits innen ausgekernt und die Wände weggerissen. Schon gewinnen wir – erstmals in der Geschichte unseres Horgener-Daseins – einen beschränkten Durchblick durch die leeren Etagen auf die hinter dem Gebäude liegende Gegend.






Hier nur allzu deutlich, vom oberen Balkon aus auch sichtbar: Die Verschandelung der Landschaft bzw. Zerstörung der Aussicht durch die "Rückbau-Ruine".







Zur Abwechslung einmal der Blick von unten, von der Stockerstrasse, nach oben, zu uns. Der Rückbau ist in vollem Gange.





November 2004

In der Lücke zwischen dem Fabrikgebäude und dem Wohnhaus links sieht man im Hintergrund Mitte die Terrassen-Überbauung Bergli und unsere zweistöckige Mai-sonnette-Wohnung.





Das Zerstörungswerk schreitet voran, wie auch ein Blick in die Innereien des ausgehöhlten Geschosses zeigt.






Bereits geht es hier dem Dachaufbau an den Kragen. Aber der Liftturm widersteht noch den Attacken.





Dezember 2004

Es gibt noch kein Ausruhen. Bis zum Einbruch der Dämmerung und in die Dunkelheit hinein wird intensiv weiter gebaggert.








Vom Liftturm ist jetzt nur noch ein "hohler Zahn" übrig geblieben. .





Wie ein gefrässiges Ungeheurer beisst sich der offene Rachen des Baggers ins bröckelnde Gemäuer. Der Liftturm ist jetzt verschwunden.







Hurra – geschafft! Heute ist der 31. Dezember 2004. Am letzten Tag des Jahres ist das Areal programmgemäss flach, ausgeebnet.








Und es eröffnen sich für uns nun völlig neue, total ungewohnte Perspektiven – der Blick auf die Stockerstrasse hinunter, wo der Autobus verkehrt, auf unsere entfernteren Nachbarn und die Gebäude unterhalb an der Seestrasse und auf den See selbst. Man sieht und hört jetzt sogar die S-Bahn unten am See.





März 2005

In der zweiten Märzwoche sind immer noch einige Trax und Bagger mit letzten Aufräum- und Planierarbeiten auf dem leeren Fabrikareal beschäftigt und graben Kellerfundamente ab. Aber den damit verbundenen Lärm verschmerzen wir noch gerne.


Wie lange bleibt uns dieser neue, paradiesische Zustand mit dem freien Ausblick erhalten? Ein Jahr? Vielleicht zwei? Wann kommt an Stelle der alten Fabrik eine neue, vielleicht noch schlimmere Überbauung – zum Beispiel mit einem 100-Meter-Wohnturm? Die Leitenden Herren von Grob AG gaben sich diesbezüglich zugeknöpft. Im Moment gebe es "noch kein konkretes Projekt dafür", sagten sie – was immer das heisst. On verra. Geniessen wir die Aussicht und das damit verbundene neue Lebensgefühl so lange wir können…


April 2005

Endzustand per 1. April 2005: Abschluss der Aufräum- und Planierarbeiten. Das Areal ist ausgeebnet.

Bange Frage: Wie geht es weiter? Was kommt als nächstes? An gescheiten und uneigennützigen Vorschlägen, wie das platt gewalzte Gelände in Zukunft zur Freude von uns Anwohnern und der breiteren Öffentlichkeit sinnvoll und nutzbringend verwendet werden könnte, fehlt es bei uns nicht. Ein kurzes Brainstorming förderte (etwa in dieser Reihenfolge) die folgenden gloriosen Ideen zu Tage. Man könnte auf dem Grob-Areal:

einrichten. Und so weiter und so weiter. Was auch immer, egal was – einzige Bedingung ist einfach nur, dass die Neuinstallationen lärmarm und abgasfrei sind und nicht höher als etwa 3 Meter über Boden ragen, so dass sie uns die neu- und lieb gewonnene "Bellevue" auf den See nicht versperren.

Diesen kreativen Erguss möchte ich gerne auch zur Kenntnis der Grob-Verantwortlichen bringen – in der Hoffnung, dass sie sich davon nachhaltig inspirieren lassen und zumindest eine von diesen dringenden Empfehlungen beherzigen werden.