Paul Klee zum Jahresabschluss –

ein Besuch im Zentrum Paul Klee in Bern, 30. Dezember 2005

Gerade noch knapp, im letzten Moment vor dem Verfall unserer Billettgutscheine per Ende Dezember haben wir am zweitletzten Tag des vergangenen Jahres den ursprünglich für meinen Geburtstag im Sommer geplanten, dann zu Gunsten der Fondation Gianadda in Martigny verschobenen und immer wieder hinausgezögerten Besuch im Zentrum Paul Klee endlich nachgeholt – ein Besuch, der sich in mehrfacher Hinsicht voll und ganz gelohnt hat. Das Hauptanliegen und die zentrale Aufgabe des ZPK liegt darin, das künstlerische, pädagogische und theoretische Werk des Künstlers sowie dessen kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung zu erschliessen und den Besuchern anschaulich zu vermitteln. Das Zentrum Paul Klee (ZPK) wurde erst im Sommer dieses Jahres, am 20. Juni, nach rund dreijähriger Bauzeit, etwas ausserhalb des Stadtzentrums, neben dem Ostring (A6) von Bern, neu eröffnet (Kosten: 110 Millionen).

Bilder vom Paul Klee Zentrum (alle Fotos © Copyright Rolf Schoch)

Paul Klee-Bilder – eine kleine, nicht repräsentative Auswahl aus der Sammlung (nach Postkarten, alle © Copyright Paul Klee Zentrum Bern)


Das Museum

Das ZPK ist, wie der Name sagt, ganz dem Leben und Werk von Paul Klee gewidmet. Da Klee nicht nur bildender Künstler war, sondern auch Musiker, Schriftsteller und Lehrer, ist das ZPK mehr als nur ein traditionelles Kunstmuseum. Neben der Klee-Sammlung gibt es auch Wechselausstellungen zu erleben, Konzerte zu geniessen, Architektur und Landschaftsformen zu entdecken; die Besucher können auch "selbst kreativ sein, kommunizieren, flanieren, sich kulinarisch verwöhnen lassen sowie Kongresse und Bankette durchführen" (Wegweiser, 1). Die drei wellenförmigen Hallen mit den atemberaubenden Trägerkonstruktionen von Renzo Piani fügen sich, wie meine Fotos zeigen, harmonisch und ganz natürlich in das Terrain der Umgebung ein.


Mit rund 4'000 Werken (das sind ca. 40 % des Totals!) verfügt das Zentrum über die weltweit bedeutendste Sammlung von Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und biografischen Materialien aus allen Lebensabschnitten und Schaffensperioden von Paul Klee.

Der Anstoss zur Gründung des Zentrums geht zurück auf eine Schenkungen der Schwiegertochter (Livia Klee-Meyer), welche 1997 der Stadt und dem Kanton Bern 650 Werke vermacht, unter der Bedingung, dass bis Ende 2006 ein Klee-Museum gebaut wird. Ein Jahr später übergibt auch der Enkel (Alexander Klee) 850 Werke als Dauerleihgaben. Professor Maurice Müller schenkt 30 Millionen Franken, Land und die Vision eines Kulturzentrums, gebaut vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano. 2001 stimmen die Stimmbürger der Realisierung des ZPK mit überwältigendem Mehr zu. 2002 erfolgt die Grundsteinlegung, 2003 die Aufrichte.

Zum ZPK gehören ausser der eigentlichen Bildersammlung auch ein Kindermuseum "Creativa" für Kinder ab vier Jahren, mit Ateliers und Workshops für kreatives Gestalten, sowie nebenan ein Skulpturenpark. Für diese reicht unsere Zeit jedoch nicht mehr, und wir nehmen sie uns für den nächsten Besuch im Zentrum vor.


Paul Klee

Als ich vor mehr als einem halben Jahrhundert als Mittelschüler in Glarisegg einen Vortrag über "Abstrakte Kunst" im allgemeinen und Paul Klee im besonderen halten musste, begann ich mich für die Arbeit dieses Künstlers zu interessieren. So war es für mich nahe liegend, mein uraltes und inzwischen etwas eingeschlafenes Interesse mit diesem Besuch in Bern neu aufzufrischen.

Paul Klee (1879 – 1940), der mir zu jener Zeit so unerhört "modern" und fremdartig vorkam, wurde in Wirklichkeit schon im vorletzten Jahrhundert geboren, und zwar am 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee. Er besucht die Primarschule und das Gymnasium in Bern. Lange Zeit schwankt er zwischen einer Musiker- und einer Malerlaufbahn. Nur einen Monat nach der Matur (1898) übersiedelt er nach München, um sich als Zeichner und Maler auszubilden. In den folgenden Jahren machte er Studienreisen nach Italien, Paris und Berlin.

1910 findet bereits die erste Einzelausstellung mit 56 Werken statt – zuerst im Kunstmuseum Bern, dann im Kunsthaus Zürich, in Winterthur und in der Kunsthalle Basel. 1911/12 lernt er Wassily Kandinsky , Franz Marc und den "Blauen Reiter" kennen. 1914 reist er mit seinem Künstlerfreund August Macke nach Tunesien, wo ihn Licht und Farbe stark beeindrucken und in seiner Arbeit beeinflussen ("Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht mehr nach ihr zu haschen"; siehe auch das Klee-Bild " Vor den Toren von Kairouan").

Während des 1. Weltkriegs (1915) wird er als deutscher Staatsbürger in die deutsche Armee einberufen. Nach der Entlassung aus dem Kriegsdienst mietet er ein Atelier in München. 1920 wird er von Walter Gropius an das Bauhaus in Weimar berufen. 1924 findet die erste Klee-Ausstellung in den USA statt. 1927/29 verbringt er mit seiner Frau Ferien in Südfrankreich, Korsika und Spanien. 1931 tritt er seine Stelle als Professor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf an.

1931, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wird seine Wohnung durchsucht; er verliert seine Stelle and der Düsseldorfer Akademie, eine Monografie über Klees Handzeichnungen sowie 102 Werke Klees werden von den Nazis beschlagnahmt, seine Arbeit gilt als "entartete Kunst".

Im Dezember 1933 emigriert er in die Schweiz und wohnt zunächst im Berner Elternhaus, später am Kistlerweg 6 in Bern. 1936 muss Klee seiner Arbeit krankheitshalber für ein halbes Jahr unterbrechen und produziert fast nichts mehr. 1937 bessert sich sein Gesundheitszustand wieder und seine Jahresproduktion erreicht wieder das frühere Niveau. Im November erhält er den Besuch von Pablo Picasso, 1939 den von Georges Braque.

Am 29 Juni 1940 stirbt Paul Klee in einer Klinik in Locarno an den Folgen seiner schweren Krankheit (Sklerodermie) – wenige Tage bevor ihm die Schweizer Staatsbürgerschaft hätte zugesprochen werden sollen.

Was mir in der Ausstellung auffiel, was die Reproduktionen zeigen und was in der kurzen Führung durch einen jungen Sachverständigen (vermutlich Kunststudent) auch deutlich demonstriert wurde: Klee war ein weitgereister, weltoffener und hochgebildeteter Mann. Er konnte z.B. auch Griechisch und griff in der Titelgebung seiner Bilder gelegentlich auf die griechische Mythologie zurück: Sein Bild Insel "Insula dulcamara" (bittersüss) beispielsweise hiess ursprünglich "Insel der Kalypso". Seine abstrakten Bilder stecken zum Teil voller überraschender, versteckter Zeichen und mehrdeutiger, offener Botschaften, welche je nach Fantasie des Betrachters auf mindestens ein Dutzend verschiedene Arten verstanden oder interpretiert werden können. Weiter ist erstaunlich die Vielfalt der angewandten Techniken – Oelfarbe, Aquarell, Kleisterfarbe, Wachsfarbe, Grundierung – und die kreative Verwendung verschiedenster Materialien für seine Werke – von der traditionellen Leinwand bis zu unorthodoxen Trägermedien wie Holz, Papier, Karton, Jute, Textilien usw.

Fazit: Nicht nur eine tolle Reise mit Anna nach Bern bei schönstem Sonnenschein und bitterkalten Temperaturen, sondern insgesamt auch ein interessanter, anregender, bedenkenswerter und lohnender Tag. Der Besuch sei allen herzlichst empfohlen.

Quellen:

- Cantz, Hatje: Zentrum Paul Klee, 2005 (422 S. & CD)
- Zentrum Paul Klee Bern, Wegweiser, 2005
- Zentrum Paul Klee Bern, Kurzführer, 2005